Interview

"Ich muss Kenntnis darüber haben, was ein Musiker auf seinem Instrument spielen kann."

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Mit Musik kann ich Zuhörer mehr berühren, und Texte sind nicht so mein Ding.

Wo sonst Sonne durch die Blätter der herbstlichen Bäume scheint, gab es in diesem Jahr Regen und kalten Wind. Kremenchug, eine kleine Industriestadt am Fluss Dnepr in der ich 2 Jahre gelebt und fast jeden Sommer verbrachte. Ich sitze in einem kleinen Café "Dom Kofe" und stelle mich etwas aufgeregt meinem ersten Interview.

LP: Was machst Du beruflich?

Andreas:
Ich bin Komponist für sämtliche Musikstile und arrangiere diese für Solokünstler, Bands oder auch Orchester.

LP: Das heißt, dass deine Kunden dich direkt anschreiben und für Projekte buchen?

Andreas:
Ja. Das ist richtig. Entweder werde ich angerufen oder andere Kollegen empfehlen mich weiter.

LP: Wann hast Du mit der Musik angefangen?

Andreas:
Mit 15 Jahren schrieb ich meine ersten Kompositionen.

LP: Für welches Instrument?

Andreas:
Meine ersten musikalischen Gehversuche waren Barock. Mein damaliges Keyboard hatte einen Cembaloklang, den ich über alles geliebt habe. Dann begann ich nach und nach Musikwerke für Streichquartette mit Oboe und Fagott zu schreiben.

LP: Warum gerade für Fagott und Oboe?

Andreas:
Beide Instrumente haben so etwas Trauriges und Melancholisches. Solche getragenen und melancholischen Instrumente faszinieren mich noch heute.

LP: Und spielst Du auch in einer Band?

Andreas:
Ich habe vor vielen Jahren in einigen Bands als Gitarrist und Bassist gespielt. Aber das waren so erste Gehversuche in der Arbeit mit anderen Musikern. So richtig ernst wurde es mit der Musik erst während des Studiums. Heute schreibe ich Kompositionen für unterschiedliche Auftraggeber oder für mich selbst.

LP: Spielst Du noch andere Instrumente außer Bass und Gitarre?

Andreas:
Ich spiele viele unterschiedliche Instrumente: Balalaika, Ukulele, Zimbeln, Melodika, Violine, Klavier und Duduk. Allerdings spiele ich keines der Instrumente perfekt. Ich bin ja Komponist und Arrangeur und muss daher eher darüber Kenntnis haben, was ein Musiker auf seinem Instrument spielen kann. Zum Beispiel: „Wann muss ich für den Bläser in der Komposition eine Atempause einplanen, damit er während des Spielens nicht umkippt.“

Lachen...

LP: Du hast gerade gesagt, dass Du Balalaika spielst. Das ist doch ein eher ungewöhnliches Instrument für einen Deutschen. Wie kommst Du auf dieses Instrument gekommen?

Andreas:
Nun, ich bin Halbukrainer und wollte ein typisches Instrument aus der Region lernen. Da ich nirgendwo eine Bandura zu Kaufen fand, habe ich mir dann eine Balalaika geholt.

LP: Du hast vorhin gesagt, dass Du sämtliche Musikstile komponierst?

Andreas:
Ja, durch mein Studium kann ich glücklicherweise jede Art von Musik komponieren. Klassik, Filmmusik, Pop, Musik für Klanginstallationen. 2011 arbeitete ich erstmalig an einer Produktion für Hardrock. Und im Moment komponiere und arrangiere ich viel Weltmusik, darunter auch persische Musik. Langfristig will ich aber wieder zur Filmmusik und modernen Klassik zurück.

LP: Wieso gerade persisch? Ist es das Interesse an orientalischer Kultur? Oder wegen der Schönheit des Klanges?

Andreas:
Irgendwann rief mich eine Kundin an und fragte mich, ob ich persische Musik komponieren könne. Am gleichen Abend noch habe ich mir den ganzen Abend über persische und arabische Musik angehört und dachte: „Cool. Mag ich. Mach ich.“
Orientalische Musik habe ich schon immer gemocht. Die erste orientalische Musik an die ich mich erinnere, ist von Ennio Morricone „Das Geheimnis der Sahara“ von 1988. Und wer sich wirklich mit der orientalischen Musik auseinandersetzen möchte, der sollte sich Musik von Al Tarab Ensemble, Anouar Brahem oder auch Azar Habib anhören.

LP: Orientalische Musik ist wirklich schön.

Andreas:
Ja. Sie ist wirklich schön und ihr Klang hat etwas Magisches und Verträumtes.

LP: Du hast vorhin gesagt, dass Du Halbukrainer bist. Wie würdest Du die Mentalität dort beschreiben?

Nachdenklich langes Schweigen.

Andreas:
Wenn man Ukrainer länger kennt, dann sieht man, dass sie wirklich gastfreundlich sind. Wenn man zu denen dann zum Essen eingeladen ist, dann hast Du auf dem Tisch keinen Platz mehr, um deine Ellenbogen abzulegen. Und auf dem Tisch steht dann wirklich alles: Suppen, Hauptspeisen, Salate, Kekse und Torten. Ich habe erst später gemerkt wie sehr ukrainisch ich eigentlich bin, als ich gesehen habe wie ich meine Partys vorbereite. Verhungern musste nämlich bei mir bisher keiner, ich allerdings die nächsten 2 Wochen auch nicht.

LP: Und wie sind Ukrainer so?

Andreas:
Wenn Du die Stimmung der Ukrainer meinst, dann würde ich sagen: melancholisch. Eine Studentin, die russische Kultur studiert, meinte sogar, dass die Melancholie tief in der Kultur der Russen verankert sei. Ich erinnere nur einmal musikalisch an Tschaikowskis „Pathetique“ oder literarisch an Tolstois „Anna Karenina“. Alles Werke, die melancholisch daherkommen.

LP: Schreibst Du denn auch selbst Liedtexte oder Texte im Allgemeinen?

Andreas:
Ich habe mit 20 Jahren viele Texte geschrieben. Auch eine Art Tagebuch habe ich mal geführt.

LP: Und worüber handeln Deine Texte?

Andreas:
Zu damaliger Zeit entwickelte ich ein starkes Bewusstsein für Politik und Weltgeschehnisse. Dann habe ich meine Gedanken dazu aufgeschrieben und versucht in Gedichtform zu pressen. Dann sind so Werke entstanden wie „Und die Welt dreht sich weiter“, „Seelenschrei“ oder „Schiffe im Wüstensand“. Vor allem „Schiffe im Wüstensand“ liegt mir am Herzen da es die Katastrophe vom Aralsee beschreibt.

LP: Um was geht es bei diesem Text?

Andreas:
In der 9. Klasse sollte ich einen Vortrag über die Katastrophe des Aralsees halten. Diese Thematik hat mich so sehr interessiert, dass ich später in den Verein: „Wasser für die Kinder des Aralsees e.V.“ eintrat. Je mehr ich mich mit der gesamten Problematik auskannte, entstand nach und nach ein Text über Fischer, die nicht mehr Fischen können, da ihre Schiffe längst in der Wüste gestrandet sind. Heute sind diese Schiffsskelette manchmal mitten in der Wüste anzutreffen wo sich einst Wasser vom Aralsee befand.

LP: Und schreibst Du heute noch Texte?

Andreas:
Nein. Mit Musik kann ich Zuhörer mehr berühren, und Texte sind nicht so mein Ding. Zum anderen sind politische Texte aus der Mode gekommen. In den 80iger Jahre gab es noch den Kalten Krieg und viele Künstler wie Peter Gabriel, Bruce Springsteen, U2 und Sting schrieben über die damals aktuelle Weltpolitik. Die Künstler waren nicht auf sich fixiert, sondern dachten im Großen und Globalen. Das vermisse ich an den Liedtexten, die in den heutigen Musikcharts rauf und runter gespielt wird.

LP: Warum?

Andreas:
Die Künstler von heute singen über Mädchen aus Kalifornien, über den Erdbeergeschmack der Freundin oder über Paparazzi. Sie sind mehr mit sich und ihren eigenen Problemen beschäftigt. Wenn diese Künstler Leitbilder der heutigen Generation sein sollen, dann wird unsere künftige Generation noch oberflächlicher werden.

LP: Aber ist es nicht gut, dass wir nicht mehr im Kalten Krieg leben?

Andreas:
Verstehe mich nicht falsch. Ich höre auch sehr gern Katy Perry, Justin Timberlake und Paramore. Letztlich sind wir ja alle Kollegen und respektieren uns und unsere Kunst. Ich habe mir aber über die Jahre hinweg ein breites Musikwissen angeeignet, vom gregorianischen Choral bis zu Künstlern wie: Arvo Pärt, John Cage, Hindemith, Itzhak Perlman, Korsakow, Mussorgsky oder Prokofiev. Ich bin mir nicht sicher wie viele diese Künstler und deren Musik kennen.

LP: Sind einige von denen Deine Lieblingskünstler?

Andreas:
Ich höre momentan unheimlich gern Prokofiev. Er benutzt eine interessante Art mit Dynamik umzugehen. Ansonsten höre ich immer sehr gern die Musik von John Williams, Sting und Lucio Dalla. Heute habe ich mir die neue CD von Justin Timberlake und Musik von Chris Cornell angehört. Wenn Du mich aber in einem Monat fragst, werde ich Dir womöglich ganz andere Antworten geben.

LP: Wie sehen Deine zukünftigen Projekte aus?

Andreas:
Ich habe in diesem Sommer ein wunderbares Orchester in Kiew getroffen und hoffe, dass ich in Zukunft mit dem Orchester zusammenarbeiten kann. Ich habe in den letzten Jahren viel mit Klangbibliotheken arbeiten müssen und habe gemerkt, dass der Musik dann immer etwas fehlt. Und diese Lücke können nur echte Musiker füllen. Ansonsten arbeite ich momentan für ausländische Kunden im eurasischen Raum. Und wenn ich dann noch Zeit habe, sitze ich an meinem Privatprojekt für moderne Klassik. Alles in allem bleibt es also spannend und abwechslungsreich. Und dass ist, was ich letztlich immer brauche - neue große Herausforderungen.

Zum zweiten Teil des Interviews: "Musik wird in unserem Land wieder mehr an Bedeutung und Wert gewinnen, wenn es den Menschen schlechter geht."