Interview

"Eine Musik, die für mich als Person steht."

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Musik wird in unserem Land wieder mehr an Bedeutung und Wert gewinnen, wenn es den Menschen schlechter geht.

Das Interview ist der zweite Teil des Interviews "Mit Musik kann ich Zuhörer mehr berühren, und Texte sind nicht so mein Ding."

LP: Wie sieht Deine Arbeit als Komponist aus?

Andreas:
Als Komponist geht es darum ein musikalisches Motiv oder eine Melodie zu finden, die den Zuhörer berührt. Meist kommen mir diese musikalischen Ideen wenn ich Spazieren gehe oder wenn ich für einen bestimmten Zeitraum viel erlebt habe. Sofort wenn ich eine Idee im Kopf habe, singe ich diese in mein Smartphone ein. Wenn ich dann zu Hause oder im Studio bin, setze ich mich an die Gitarre oder ans Klavier und baue die Idee weiter aus. Dabei nehme ich alle Ideen auf, denn meist kommen beim Improvisieren noch weitere Ideen für vollkommen neue Stücke. Wenn ich meine eigentliche Idee dann in eine bestimmte Struktur gebracht habe, übertrage ich diese in mein Notensatzprogramm.

LP: Wie geht es dann weiter?

Andreas:
Ab hier kann es ganz unterschiedliche Wege gehen. Wenn die Aufnahme mit Berufsmusikern eingespielt werden soll, dann komponiere ich weiter im Notensatzprogramm, um den Musikern Noten in die Hand geben zu können. Dann miete ich ein Studio und jeder Musiker spielt seine Noten für mich ein.
Anders ist es, wenn es sich um eine Komposition für eine Filmmusik handelt und für Musiker kein Budget eingeplant worden ist. Dann drucke ich meine Idee entweder aus und nutze sie als Basis für die Filmmusik oder ich importiere die Noten in Cubase oder Pro Tools. In diesen Programmen habe ich Terrabytes an unterschiedlichen Sounds und virtuellen Instrumenten und kann so ziemlich jede Filmmusik komponieren, arrangieren und produzieren. Instrumente wie Gitarre, Bass oder Klavier spiele ich über Mikrofone selbst ein. So klingen die Stücke natürlicher.

LP: Benutzt Du bestimmte Instrumente in Deinen Werken immer wieder?

Andreas:
Da ich musikalisch sehr vielseitig arbeiten muss, habe ich keine Instrumente, die in meinen Stücken immer wiederkehren. In Orchesterwerken nutze ich aber bestimmte Instrumente häufiger. Das sind das Solo-Cello, Oboe, Fagott, sämtliche Metall-Percussions wie Mahler-Hämmer, Gongs und Ambosse. Und wenn es sich anbietet, dann verwende ich gern überblasene Flöten-Glissandi.

LP: Beschreibst Du nicht eher einen Musikstil?

Andreas:
Der Übergang zu einem Musikstil ist sicherlich fließend.

LP: Hast Du denn einen bestimmten Musikstil?

Andreas:
Vor Jahren wurde von Freunden mir gesagt: „Das klingt nach Dir.“ Das war ein großes Kompliment für mich, da ich wusste, dass sich meine Stücke von anderen Komponisten unterscheiden und ich eine Art Marke geworden bin: „Eine Musik, die für mich als Person steht.“
Als ich dann meine Stücke selbst analysierte, habe ich wirklich ein paar Merkmale in meinen Stücken gefunden, die immer wiederkehren. Ich habe meinen Stil Spaccatura-Stil genannt und habe die Grundzüge auf meiner Webseite vereinfacht erklärt.

LP: Deine Musik klingt nicht nach einem bestimmten Stil und auf Deiner Webseite habe ich neben Orchesterwerken auch Weltmusik, Pop und Rock gehört.

Andreas:
Der Spaccatura-Stil ist letztlich auch wieder so abstrakt, dass man ihn auf jeden Stil anwenden kann. Daher ist das eigentliche Musikgenre egal. Du sprichst aber dennoch ein Thema an, der oftmals bei Kunden für Verwirrung sorgt.

LP: Inwiefern?

Andreas:
Da ich für so viele Genres komponiere, können mich Kunden nicht einschätzen und sind nervös, wenn sie mich mit einer bestimmten Musik beauftragen. Sie zweifeln dann, ob ich der Richtige für den Job bin. Es gibt Kunden, die nehmen dann für einen Rocksong dann doch lieber einen „richtigen“ Rockmusiker oder für ein Jazzstück dann einen „richtigen“ Jazzmusiker.
Andere Kunden kommen aber immer wieder zu mir und beauftragen mich, eben weil sie wissen, dass ich als Komponist jedes Musikgenre bedienen kann. Dennoch würde ich mich freuen, wenn alle Kunden mir vollends mir vertrauen. Immerhin habe ich jahrelang studiert und in den unterschiedlichen Gebieten gearbeitet. Und wie gesagt: Meine Erstkunden werden fast immer Stammkunden.

LP: Erzähl mir noch ein wenig mehr zur Filmmusik. Wie komponierst Du da?

Andreas:
Es kommt hier sehr auf die Handlung an. Dramen und Erzählungen mit einer komplexen Story baue ich musikalisch sehr behutsam auf. Wenn es viele Querbezüge zwischen einzelnen Filmszenen gibt, verwende ich für die Hauptprotagonisten Leitmotive, die ich so weiterentwickle, wie sich auch die Person innerhalb des Films weiterentwickelt. Manchmal ist es auch sinnvoll kontrapunktisch zu arbeiten, um den Zuschauer auf einen bestimmten Weg zu bringen. Das kann man sich vor allem in Krimis zunutze machen. Auch das sogenannte Underscoring, also die musikalische Illustration der Bilder, verwende ich sehr gern. Wie die Musik aber letztlich auf den Film wirken soll, hängt vom Wunsch des Regisseurs, Produzenten und/oder Redakteurs ab.

LP: Ist das nicht schwierig die Wünsche von Dreien zu erfüllen?

Andreas:
Es ist nicht nur schwierig, sondern unmöglich. Jeder Mensch wächst mit seiner eigenen Musik und seinen eigenen Musikvorlieben auf. Der eine hört Pop, der andere Rap, der andere Klassik, Punk, Soul, Metal, Techno und so weiter. Und da soll ich dann eine Filmmusik schaffen, die für all diese Zuschauer eine Bedeutung hat? Das geht nicht und dass soll man ja auch nicht. Es geht in erster Linie um den Film und welche Musik den Film unterstützt.
Ich bin der Meinung, dass wenn ein Film und eine Musik den Zuschauer ansprechen und vereinnahmen können, dann ist es egal, ob es mit Rap-Musik oder mit klassischer Filmmusik geschieht. Darum bin ich froh, wenn der Regisseur das notwendige Selbstbewusstsein mitbringt und seine Vision vom Film vor den anderen Beteiligten verteidigen kann. Das kommt dann auch mir zugute, weil ich weiß, wohin die musikalische Reise geht. Und dann bin ich auch nicht nur der Diener, sondern wirke als Berater und Sprecher für die Musik im Film. Die besten Filme und dazugehörigen Filmmusiken entstanden, weil man jedem Teammitglied seinen Freiraum ließ und jeder seine Profession hat ins Projekt einfließen lassen. Ich erinnere da nur an die Soundtracks: „American Beauty“, „Forrest Gump“, „Star Wars“ oder „Es war einmal in Amerika“.

LP: Wie entwickelt man sich als Komponist fort? Hört man viel Musik?

Andreas:
Ich höre sehr gern Musik. Wenn ich jedoch richtig lerne und für die Musik lerne, dann höre ich sie analytisch oder kaufe mir Noten. Ich lese auch viel über Kompositionstechniken früherer Komponisten oder Zeitschriften über aktuelle Musikproduktionstrends und neue Standards. Auch im Internet findet man als Komponist mittlerweile viele interessante Webseiten. Vor kurzem fand ich ein Forum, welches sich nur mit der Musik von John Williams (Indiana Jones, Star Wars, Harry Potter) beschäftigt. Das war echt spannend zu lesen, weil sich da echt Experten unterhielten und bis ins kleinste musikalische Detail gingen.

LP: Wohin wird sich Deiner Meinung nach die Musik hinbewegen?

Andreas:
Ich bin kein Zukunftsforscher. Meiner Meinung ist, dass die Musik in der westlichen Welt seit einigen Jahren eine neue Rolle eingenommen hat. Sie dient heute vielmehr zur Identifikation von bestimmten Gruppierungen. Durch das Internet hat man noch viel mehr die Möglichkeit, sich innerhalb seiner Gruppierung musikalisch wiederzufinden und sich von anderen abzugrenzen als noch vor 20 Jahren. Darum stehen lokale Musiker heute viel besser da, als vor der Zeit des Internets. Zudem hat auch die Informationsflut im Internet dazu geführt, dass man sich viel mehr in seinen Kiez zurückzieht - online wie auch offline. Wenn Du also heute im Internet in sozialen Netzwerken siehst, was Deine Freunde gerade hören, dann wirst Du viel eher dazu verleitet das Gleiche zu hören. Ich selbst halte das aber für kritisch. Du beginnst dann, dass zu hören, was dann jeder in Deinem Kiez/Freundeskreis hört und bildest keinen eigenen Musikgeschmack mehr und wirst quasi zum Mitläufer.
Ich will aber noch auf eine andere Problematik zu sprechen kommen. Wie ich bereits sagte, gilt Musik in der westlichen Kultur zur Identifikation. Dabei geht es nicht mehr um den Gehalt der Musik an sich, sondern um einen Status durch die Musik selbst. Siehe dir vergleichsweise mal die Funktion von Musik in Kriegsgebieten an. Da wird Musik viel eher zur seelischen Heilung benutzt. Musik gilt dort als Verbinder zwischen allen Menschen und Kulturen - egal ob Jung oder Alt, Feind oder Freund, Reicher oder Armer. Musik gilt da als universelle Sprache fernab von einem Kiez. Mir gefällt dieser Gedanke ehrlich gesagt viel mehr, als die Instrumentalisierung von Musik zu Statuszwecken. Es sind harte Worte, aber ich glaube, dass Musik in unserem Land wieder mehr an Bedeutung und Wert gewinnen wird, wenn es den Menschen schlechter geht. Vielleicht würde man dann auch wieder Musik bewusster hören und nicht nur sein Smartphone mit Musik quasi betanken. Wir sind ja mittlerweile schon so weit, dass man sich nicht einmal mehr Stücke bis zu Ende anhört, die gerade einmal 3:40 Minuten gehen.

LP: Das sind harte Worte.

Andreas:
Vielleicht ist diese äußerung auch eine Kritik an unserer Gesellschaft. Ich wünsche mir einfach, dass die Menschen wieder mehr zusammenhalten und sich auch mal wieder umarmen und sich gegenseitig helfen. Es kann so einfach sein.

Das Interview vom 4. September 2013 in Kremenchug, Ukraine, führte Lilja.